Kaspar 2028
Eine Neugestaltung von Peter Handkes Bühnentext «Kaspar» (1968) mit digitaldramaturgischen Methoden.
Team:
Manuel Flurin Hendry (Silicon Stories)
Prof. Dr. Lena Gieseke (Filmuniversität Babelsberg)
Ilja Mirsky (Residenztheater München)
Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen der Förderlinie «Kunst & KI»
Projektbeschreibung
«Kaspar» ist ein Stück der Sprachkritik, von Handke selbst als «Sprachfolter» bezeichnet. Konfrontiert mit eloquenten Doppelgängern und überspült von Befehlen kämpft die von Kaspar Hauser inspirierte Titelfigur um ihre Individualität – und scheitert. 1968 revoltierte Handke mit seinem Text gegen eine autoritäre Gesellschaft, die uns in tradierte Formen presst.
Heute stammen diese Formen aus dem Cyberspace. Nicht der Untertan, sondern fröhliche Konsumierende sind das Ideal – angefüttert mit Optimierungsversprechungen und normativen Texten und Bildern, oft aus der Feder einer KI. Mit Chören von Werbeprospekt-Prosa, die das Publikum bis in den Pausenraum verfolgen, und einem über der Bühne thronenden, allsehenden Auge erinnert Handkes Text verblüffend an ChatGPT und die magisch-irritierende Natur maschinen-generierter Sprache und Sprechens.
Kaspar.ai (K.ai)
Um diese Irritationen künstlerisch zu erkunden, entwickeln wir das KI-System Kaspar.ai (K.ai). Kaspars Darsteller:in wird mit K.ai in Aussehen und Stimme digital geklont und steht sich damit selbst – im Proberaum wie auf der Bühne – als digitale:r Spielpartner:in (und Gegner:in) zur Verfügung. Für K.ai entwickeln wir Fähigkeiten zum Spiel nach Vorgaben der Regie und zur interaktiven, von der Maschine generierten Improvisation. Das doppelgängerische Erscheinungsbild beginnt beim Realismus und wird kontinuierlich zu albtraumartigen Gebilden verfremdet.
Leitende Fragen
- Welche neuen Spielformen entstehen, wenn Spielende mit ihrem virtuellen Selbst oder anderen KI-generierten Spielenden in Dialog treten?
- Welche ethischen und psychologischen Konflikte treten dabei auf?
- Mit welchen Techniken und Ästhetiken können wir GenAI-basierte und cineastische Praktiken (Virtual Production2) künstlerisch gewinnbringend in theatrale Produktionsabläufe integrieren?
- Wie können wir Künstler:innen mit GenAI ermächtigen, anstatt sie auszubeuten?
- Was geschieht mit Kaspars Digitalisat nach Produktionsende? Wem gehören die Daten?
Zielsetzung
- Anregung eines öffentlichen, kritischen Diskurses über GenAI, die Auflösung der Grenze zwischen analoger und digitaler Welt
- Stärkung von Verständnis und Handlungsfähigkeit von Kunstschaffenden und Öffentlichkeit durch zugängliche ästhetische Erfahrungen
- Wissens- und Technologietransfer von künstlerischer Praxis zu Kulturinstitutionen und Entscheider:innen in Politik und Wirtschaft
Messbare Projektindikatoren
Inszenierung 2028
Multimediale, repertoirefähige Inszenierung am Residenztheater in 2028
Open Source
Open-Source-Veröffentlichung des KI-Systems Kaspar.ai
Zukünftige Anwendung
Zukünftige Anwendung von K.ai durch andere Kunstschaffende
Veranstaltungen
Mindestens 8 Transferveranstaltungen, davon vier mit öffentlicher Wirksamkeit
KI-Technologien & Umsetzung
Funktionen des Systems K.ai
Aufnahme & Wiedergabe
Aufnahme, Wiedergabe und Verfremdung digitaler Spieler:innen
Interaktion
Interaktionspartner:in für Improvisation und Dialog
Choreografie
Choreografisches Werkzeug zur szenischen Entwicklung
Virtuelle Umgebungen
Generatives System für virtuelle Umgebungen
Eingesetzte KI-Technologien
- Transformer-basierte Sprachmodelle (LLMs) mit RAG-basierter Kontexterweiterung
- Seq2Seq-Systeme für Spracherkennung und -synthese
- Diffusions-Modelle für Erzeugung von Bild und Video
- Neurale Netzwerke für Bewegungserkennung aus Video (Motion Capture)
Die von Manuel Hendry und seinem Team entwickelte Software für das Theaterprojekt Friendly Fire at the Shrink und seine wissenschaftlich-künstlerische Dissertation sind Grundlagen für die Programmierung von K.ai. Hinsichtlich des audiovisuellen Materials kommen cineastische Methoden der Virtuellen Produktion zum Einsatz – ein Gebiet, auf dem die Filmuni Expertin ist.
Produktionsablauf
«Kaspar 2028» erweitert den theatralen Probenprozess zu einem zweijährigen, interdisziplinären Experiment. Die szenische Produktion, die Besetzung der künstlerischen Positionen und die Durchführung der Proben verantwortet das Residenztheater. Die Technologie-Entwicklung erfolgt an der Filmuniversität, die uns ihre moderne Infrastruktur zur Verfügung stellt. An der Arbeit beteiligt sind Studierende sowie Gäste aus der Theater- und Kunstwelt. Für 3D-Körpermodellierung und -scanning kooperieren wir mit dem Tübinger Start-up Meshcapade.
Gemeinwohlorientierter Ansatz
Wir etablieren das Theater als Labor für eine kollaborative Technikkultur. In Verbindung mit dem MA Creative Technologies und dem CX Studio schaffen wir ein Ökosystem und "best practices" für praxisorientierte Theaterarbeit mit GenAI – als Alternative zur Abwanderung kreativer Talente in die kommerzielle Medienbranche.
Alle Prozesse werden dokumentiert und veröffentlicht. Die modulare GenAI-Pipeline ist auf verschiedene Bühnen- und Kunstformate übertragbar. Workshops vermitteln Theater- und Kunstschaffenden praxisnah den Zugang zu GenAI-gestützter Kreation mit K.ai.
Zentrale Herausforderungen
K.ai soll künstlerisch produktiv werden, ohne den Probenprozess zu dominieren. Die Schnittstelle zwischen Schauspiel, Regie und GenAI soll intuitiv und effizient bedienbar sein. Dies erfordert einen kontinuierlichen Austausch zwischen verschiedenen Arbeitskulturen – Theater, Film, Forschung und Technologieentwicklung – sowie präzise Dokumentation für nachhaltige Nutzung.
Anspruchsvoll ist zudem der Einsatz eines ethisch auf Basis «fairer Daten» trainierten Sprachmodells – nach unseren Recherchen wäre dies kl3m. Zur Bestimmung und Reduktion des ökologischen Fußabdrucks greifen wir auf Lena Giesekes Vorarbeiten zu grüner Filmproduktion zurück.
Wissenstransfer
Absicht des Projekts ist die Befähigung und Begeisterung von Theater- und Kunstschaffenden, die Künste als experimentellen und kritischen Raum für GenAI zu nutzen. Unter Miteinbezug der multidisziplinären und internationalen Netzwerke der Projektpartner:innen umfasst Kaspar 2028:
Website & Dokumentation
Projektbezogene Website mit Blog, Code und Tutorials
Workshops
Vier öffentliche Workshops in Babelsberg
Work-in-Progress
Vier Work-in-Progress-Formate in München
Publikation
Wissenschaftlich-künstlerische Publikation
Premiere
Repertoirefähige Theateraufführung «Kaspar» am Residenztheater
Abschlusskonferenz
Panel, Live-Demo und Publikumsgespräche am Residenztheater München
Das Residenztheater verpflichtet sich nach Projektende, die aus Projektmitteln angeschaffte Hardware weiter zu verwalten und dem Theaternetzwerk Digital für Workshops und Weiterbildungen unentgeltlich zur Verfügung zu stellen.